Polyamorie: Liebesbeziehung zu viert

Ein Bericht von Reporterin Meike Stephan

Marcel bringt Katharina Frühstück ans Bett. Es ist Sonntag früh und er hat die Nacht bei Marie verbracht, seiner anderen Freundin. Er weckt Katharina liebevoll mit einem Kuss. „Und, hattet ihr eine schöne Zeit?“, will seine Partnerin wissen. „Ja, wir hatten einen gemütlichen Abend daheim“, antwortet Marcel. „Aha, dann hat sie dich bestimmt massiert“, sagt Katharina und streicht ihrem Freund durch die Haare. Katharina liebt Marcel und Marcel liebt Katharina. Doch Katharina liebt auch Simon und Marcel liebt Marie. Sie wissen das und es ist okay.

Polyamorie setzt sich aus dem griechischen Wort poly (viele) und dem lateinischen amor (Liebe) zusammen und bedeutet, mehr als einen Menschen gleichzeitig zu lieben und mit ihnen zusammen zu sein. Das hört sich zuerst nach Fremdgehen und Betrug an. Doch wer polyamor lebt, hat ganz offiziell mehrere Beziehungen. Alle Beteiligten wissen voneinander und sind damit einverstanden. Feste Regeln gibt es nicht. In manchen polyamoren Beziehungen steht das Sexuelle im Mittelpunkt, in anderen geht es um das Zwischenmenschliche. Zeit miteinander verbringen, tiefsinnige Gespräche führen, sich dem anderen anvertrauen.

„Man kann einen Menschen ganz besonders lieben, oder zwei oder drei. Ich liebe Marcel und ich möchte Kinder mit ihm haben. Aber ich liebe auch Simon und ich finde den Gedanken schrecklich, ihn zu verlieren“, sagt Katharina. Nicht immer läuft es so harmonisch wie an diesem Sonntag Vormittag, wenn sich Katharina und Marcel über ihre anderen Partner unterhalten. Es kommt auch vor, dass einer eifersüchtig ist oder nichts vom neuen Partner des anderen hält. Doch für die beiden ist klar: Sie wollen ihr Leben miteinander verbringen, sich dadurch aber nicht in ihrer Lebensweise einschränken lassen. Alles andere ist sekundär.

Als Katharina und Marcel zusammenziehen, entschließen sie sich dazu, einige Zeit monogam zu leben, weil Katharina sich das gewünscht hat. „Ich schließe es auch nicht aus, dass wir in ein paar Jahren ganz monogam leben, weil uns Polyamorie nicht mehr reizt. Aber im Moment tut es uns und unserer Beziehung gut, andere Menschen zu lieben“, sagt Katharina. Nach einigen Monaten in Monogamie hatten beide wieder das Bedürfnis, andere Partner zu daten. „Liebe ist eines der sehr wenigen Dinge, die größer werden, wenn man sie teilt. Ich liebe Katharina nicht weniger, weil es Marie gibt. Ich kann sie viel mehr noch besser lieben, weil ich ausgeglichener und vollständiger bin“, erklärt Marcel. In einem alten französischen Lied heißt es: „Liebe ist ein Kind der Freiheit“. Nach diesem Leitsatz leben polyamore Menschen. Sie wollen ihren Partner nicht „besitzen“ oder „für sich allein haben“. Stattdessen lassen sie sich gegenseitig ihre Freiheit – auch und gerade wenn das bedeutet, mit anderen zu schlafen.

„Marcel mag nicht, dass ich ihm von dem Sex mit Simon erzähle. Er weiß, dass es passiert, aber er will nichts davon wissen. Bei mir ist das anders, mich interessiert, was Marcel an Marie anzieht und wie ihre Beziehung aussieht, im Bett wie auch im Alltag“, sagt Katharina. Sie steht gerade vor ihrem Kleiderschrank und überlegt, was sie zu dem Treffen mit Simon anziehen soll. Sie wirkt nervös, aber auf eine positive, freudige Art. Immer wieder huscht ihr ein Lächeln über die Lippen, wenn sie von Simon erzählt. Schon zwei Mal hat sie das Outfit für ihr Date heute Abend gewechselt.

In vielen großen Städten gibt es Polyamorie-Stammtische. Manchmal sind das einfache Plauderrunden, manchmal werden sie
moderiert. Für Katharina und Marcel sind die Stammtische zu einem festen Ritual geworden. Von Freunden und Bekannten werden sie oft schief angeschaut, wenn sie über ihren Lebensstil reden und darüber, mehrere Menschen zu lieben. Auf den Polytreffen fühlen sie sich verstanden. Für Katharina und Marcel sind die Stammtische zu einem festen Ritual geworden.

Als Katharina die Türe zu dem kleinen chinesischen Restaurant aufmacht, glühen ihre Wangen rot und sie strahlt über das ganze Gesicht. Eine Hitzewelle schlägt ihr entgegen, Stimmengewirr bricht über sie herein. Während das Gemüse im Fett brutzelt und sich die Kellner durch kurze Rufe koordinieren, entdeckt sie Simon. Ihre Blicke treffen sich. Für einen kurzen Moment scheint es nur noch die beiden zu geben. Er steht auf, nimmt ihr Gesicht zwischen seine Hände, gibt ihr einen zärtlichen Kuss. „Du siehst wunderschön aus“, sagt Simon.

Während Monogamie ein ganz klares Konzept ist, in dem zwei Menschen sich lieben und einander treu sind, dominiert in Polyamorie die Konzeptlosigkeit. Man schaut, wer man selbst ist und was für eine Art Beziehung man persönlich bevorzugt. Es gibt nur eine klare Regel: Alle Beteiligten müssen ehrlich zueinander sein und voneinander wissen. Denn eine Nebenbeziehung, die geheim gehalten wird, gilt nicht als Polyamorie, sondern als Seitensprung. Und das ist verboten. Katharina und Marcel haben vereinbart: Wir sind die Nummer Eins füreinander. Die Beziehung untereinander hat für beide Priorität, erst danach kommen Nebenpartner wie Marie und Simon. Dieses Model ist in der Polyamorie sehr häufig. Es gibt aber auch Singles, die mehrere Parallelbeziehungen führen oder Polyamore, die in einer Dreierbeziehung leben.

Die gebratenen Nudeln und die knusprige Ente mit Erdnusssoße sind verspeist. Das Pärchen schlendert zu Simon nach Hause. Sie halten Händchen. Reden über die vergangene Woche, lachen viel. Heute Nacht werden sich die beiden lieben und dann wird Katharina nach Hause gehen, zu Marcel.

So erschienen auf radiohitwave.com

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