Immer stark und bärtig? Für mehr Gleichberechtigung für den Mann

Männerklischees

Neulich hörte ich zufällig ein Gespräch von einer Gruppe Frauen. Sie sprachen über Männer und darüber, was sie an ihnen absolut nicht sexy finden. Die eine sagte: „Wenn der Typ im Café einen Cappuccino mit Sojamilch bestellt, ist das Date für mich beendet.“ Breite Zustimmung unter den anderen Girls. Geht gar nicht, was für ein Abturner. „Das ist so null männlich. Generell finde ich Männer, die Allergien haben einfach nicht sexy, so einen könnte ich nicht daten.“

Wie traurig, dachte ich. Da reden wir von Gleichberechtigung, von starken Frauen in Führungspositionen und einer modernen Gesellschaft – und müssen dann feststellen: Das ist alles nur eine Blase. Die traditionellen Rollenbilder stecken in den Köpfen der Menschen einfach wahnsinnig tief drin. Es ist unsexy, wenn ein Mann nicht stark ist, wenn er Ballett statt Fußball mag, wenn er lieber Sekt trink, als Bier und lieber Gemüse statt Fleisch isst. Wenn er einen roten Pullover trägt und zur Maniküre geht– Pfui Teufel, was ist der, eine Tunte? Oder wenn er zugibt, psychische Probleme zu haben und in Therapie geht. Unsexy. 

Das Schlimme daran ist vor allem: Frauen die so daher reden, blasen sich auf, wenn es um weibliche Klischees geht und halten sich selbst für aufgeklärt und modern. Und bemerken dabei überhaupt nicht, dass sie das Ganze nur halb zu Ende gedacht haben. 

Klischees über Männer
Das männliche Model Lucky Blue Smith räumt mit Klischees über Männer auf – und hat damit unglaublichen Erfolg. Fotos: instagram/luckybsmith

Gleichberechtigung ist keine Einbahnstraße

Ich habe mich hier auf dem Blog schon öfter über ein stärkeres Frauenbild in der Gesellschaft ausgesprochen (in meinem Plädoyer für mehr Feminismus etwa oder in dem Artikel „Warum jede Frau einmal einem Mann einen Drink ins Gesicht schütten sollte„). Ich möchte, dass Frauen in einer modernen Welt frei von Vorurteilen und Klischees einfach das tun können, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Und wenn das bedeutet, dass sie breitbeinig in der U-Bahn sitzen und rülpsen – so be it. Doch wer über Gleichstellung der Frau spricht, sollte einen wichtigen Aspekt nicht vergessen: Das gilt für den Mann genauso.

Und damit meine ich nicht, dass Männer ebenfalls breitbeinig in der U-Bahn sitzen und rülpsen dürfen, das tun sie bereits. Ich meine damit vielmehr, dass sie genauso auch die Beine übereinanderschlagen und sich mit ihren lackierten Fingernägeln die Augenbrauen glatt streichen dürfen. Denn Gleichberechtigung ist selbstverständlich keine Einbahnstraße. Wenn Frauen an traditionellen Männerbildern festhalten, wieso sollten es Männer dann anders machen?

Gleichberechtigung für Männer
Schwul oder was? Männer mit Gesichtsmasken. Hier: Make up Artist Wayne Goss
Foto: instagram/gossmakeupartist

Ein unterdrückter Mann rechnet ab

Auf ze.tt beklagte sich vor ein paar Monaten ein männlicher Autor: „Diese 15 Sprüche möchte ich als Mann nie wieder hören“. Und schrieb eine ausführliche Klageschrift eines unterdrückten Mannes. Der sich dafür rechtfertigen muss, enge Hosen zu tragen, eine selbstbewusste, erfolgreiche Freundin zu haben (Tatsache, er ist nämlich nicht schwul, obwohl er enge Hosen trägt) oder der ausgelacht wird, weil er mit zu wenigen Frauen geschlafen hat. Und der Autor ist ganz schön wütend, denn diese alten Rollenbilder nerven ihn. Liebe Frauen, kommt euch das bekannt vor? 

Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer: Im Internet sieht man immer mehr männliche Beauty Vlogger, die selbstbewusst Schminktutorials geben, männliche Models, die in Frauenkleidern über den Laufsteg gehen und L’Oreal wirbt mit Manny Gutierrez, einem Mann, seit Kurzem für Mascara.

Liest man heute einen Text über Gleichberechtigung, geht es allzu oft um das Frauenbild. Gleichberechtigung hat jedoch genauso etwas mit dem Mann, wie mit der Frau zu tun. Es geht darum, sich in der Mitte zu treffen. Es geht darum, dass die Frau männlicher und der Mann weiblicher wird oder besser gesagt: Dass beide Geschlechter diese Eigenschaften, die ja schon immer da waren, endlich offen ausleben können.

Gleichberechtigung Mann und Frau
Typisch Mann – Typisch Frau, müssen wir wirklich noch in diesen alten Rollenbildern denken? Brienne of Tarth wird in Game of Thrones jedenfalls für ihre „männlichen Eigenschaften“ gefeiert. Lucky Blue Smith für seine femininen Bilder bewundert.
Advertisements

5 Comments

  1. Ich habe den ersten Absatz gerade meinem Freund vorgelesen. Er liegt neben mir. Schwer leidend – es ist die Natur, sie greift ihn an (Pollenallergie). 😉 Und ich schwöre, er ist immer noch total sexy. 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Schöner Beitrag, ich habe schon einige Zeit überlegt einen ähnlichen zu schreiben. Kürzlich habe ich nämlich von jungen Männern (teilweise noch Teenagern) gehört, die Schminktipps auf Youtube geben. Ja, und wieso dürfen das nur Frauen? Wieso müssen sich Männer dafür rechtfertigen? Von wegen Gleichberechtigung, Frauen wollen doch alle Privilegien nur für sich selbst haben!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s