„Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen“

Zeit zurückdrehen

„Ich bin der Meinung, dass früher alles doch zumindest etwas einfacher und besser war. Und damit meine ich vor allem: Bevor die ganze Technologie kam. Wenn ich mir überlege, wie viel ich früher als Kind draußen gespielt habe. Es gab immer ein Riesengeschrei, als ich um 19 Uhr wieder ins Haus musste. Heute wohne ich neben einem Spielplatz und sehe dort kein einziges Kind spielen. Das erschreckt mich. 

Früher sind wir mit 12 oder 13 Jahren alleine mit dem Bus in die nächst größere Stadt gefahren und unsere Eltern hatten keine Angst, dass uns etwas passieren könnte. Die Häuser waren nicht abgeschlossen, die Autos zum Teil auch nicht – das kann man heute alles nicht mehr machen. Heute haben die Menschen Angst. Meine Schwester lässt ihre 13-jährige Tochter nicht alleine mit dem Bus fahren. Ich habe nichts gegen Ausländer, mein Mann ist selbst kein Deutscher, aber es gibt eben diese Geschichten von Iranern oder Irakern, die Mädchen im Bus blöd anmachen, oder von Arbeitslosen, die aufdringlich werden und pöbeln. 

Am liebsten würde ich immer noch im Jahr 2000 leben

Damals war die Welt noch in Ordnung. Das Leben war entspannter. Da konnte man auch in der Jogginghose in die Disko gehen, ohne blöd angeschaut zu werden. Heute muss man sich stundenlang zurechtmachen, um nicht negativ aufzufallen. Insbesondere hier in Stuttgart, da würde man gar nicht mehr am Türsteher vorbeikommen, wenn man als Frau keine High Heels trägt oder als Mann im Anzug daher kommt.

Alle hängen nur noch am Handy

Und dann diese ganze Technologie. Alle hängen nur noch am Handy. Ich meine, ich bin froh, verheiratet zu sein. Wenn ich heute Single wäre, ich wüsste gar nicht, wie ich jemanden kennenlernen sollte! Die Leute reden ja gar nicht mehr miteinander… Wenn man zum Beispiel mal in ein Café schaut: Da starrt jeder nur in sein Handy, oder das Handy liegt zumindest immer griffbereit auf dem Tisch. Ich finde es auch einfach richtig schwer, heute noch neue Freunde kennenzulernen, weil die Leute auch viel verschlossener sind.

Ein weiterer Nachteil der sozialen Medien ist, dass dort niemand mehr ehrlich ist. Die Bilder werden bearbeitet, gestellt und jeder heuchelt einem das perfekte Leben vor, was andere dann wiederum unter Druck setzt oder ihnen das Gefühl gibt, total langweilig zu sein. Samstag Vormittag toll Brunchen mit den Freundinnen, Hashtag #Lovemylife und am Sonntag dann perfekt gestylt beim Joggen und in Wirklichkeit sind die Bilder in einem ganz andern Kontext entstanden. Ich finde diese Entwicklung ziemlich bedenklich. 

Will ich in so eine Welt überhaupt ein Kind setzen?

Ich stelle mir da wirklich die Frage: Will ich in so eine Welt überhaupt ein Kind setzen? Ich habe mich dafür entschieden und einen kleinen Sohn. Weil der Wunsch nach einer Familie einfach größer war. Aber was ist, wenn er 16 oder 18 Jahre alt ist? Leben wir dann vielleicht im Krieg? In welcher Welt wird er aufwachsen? Mit welchen Problemen wird er konfrontiert sein? Ich meine, auch in dieser Hinsicht ist unsere jetzige Zeit alles andere als rosig. Überall gibt es soziale Unruhen, einen Rechtsruck in der Gesellschaft und Terroranschläge. Da ist die Angst nach einem neuen Krieg schon wieder präsent. Und ich kann mein Kind davor nicht schützen. Und das ist kein schöner Gedanke.“

-Melanie (31)

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10 Comments

  1. Ich verstehe dich sehr gut und nicht alles was glänzt ist Gold. Technik hin oder her, aber man zahlt dafür einen hohen Preis. Irgendwann wird es so sein wie bei dem Wall-E leider. Man kann nur sein Kind so gut wie möglich erziehen und ihnen eine schöne Kindheit ermöglichen.
    Liebe Grüße

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  2. Manchmal neige ich auch dazu, schwarz zu sehen, aber wir ürfen uns dem nicht hingeben, sondern müssen positiv denken, auch wenn es schwer fällt. Diese dunklen Gedanken verfestigen sich und damit macht man alles nicht besser. Und zurückschauen bringt uns auch nicht weiter. Ich bemühe mich, jeden Augenblick zu genießen und ich glaube daran, dass sich alles wieder zum Guten wendet, auch wenn es derzeit nicht so aussieht. Einen schönen Abend wünscht Marie

    Gefällt 4 Personen

  3. So etwa 1990 habe ich meine Oma mit prinzipiell derselben Frage konfrontiert. Sie ist ziemlich sauer geworden. Sie hat alle ihre Kinder während des Krieges bekommen und sie waren wohl im Endeffekt doch eine glückliche Familie.
    Ich würde mich da gern wunschmaterial anschließen: Es kommt immer auch darauf an, was wir daraus machen.

    Gefällt 2 Personen

  4. Zunkunftsängste sind ein weit verbreiteter Zustand, der in der Regel aus einem Gefühl der persönlichen Überforderung und Ohnmacht entsteht, oder?
    Aber „Früher was alles besser“ kann ja nicht stimmen, sonst wäre die Steinzeit das ultimative Paradies gewesen.
    Und die ganze Technologie?
    Kein „Ja! Danke für endoskopische Medizin die mich nicht mehr aufschlitzen muss“?,
    Kein „Danke für Datenbanken, die Millionen von Mammographie-Aufnahmen auswertet und mich vor einer überflüssigen Brustamputation schütz?“
    Oder ein „Wow, ich bin froh, dass es Whatsapp / Facebook / etc. gibt, so kann ich mit meiner Familie und meinen Freunden, die überall verstreut sind, ganz einfach in Kontakt bleiben!“
    Ist es denn nicht toll, dass wir in einem Land / einer Gesellschaft leben, wo wir Dinge machen könnten, wenn wir denn nur wollten? Initiativen für oder gegen alles mögliche ins Leben rufen, bauen, machen, sich bilden! Ohne dass ich dabei meine Tochter mit einem Laken über dem Kopf verschleiern muss? Oder mein Sohn in eine Deppen-Truppe mit Sprengstoffambitionen gepresst wird, weil er hier eine Zukunft hat? Wir leben hier wie nur noch ganz wenige auf der Welt auf der Insel der Glückseligen. Und wenn wir mehr Kinder in die Welt setzen und diese in unserem Sinne großziehen, dann kann es auch durchaus weitergehen, meine ich.

    Und, P.S.: Auch im Jahr 2000 konnte man nicht mit einer Jogginghose in die Disco gehen. Wirklich nicht. Mit einer Jogginghose geht man nirgendwo hin, nicht mal zum joggen.

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  5. Tatsächlich schließe ich mich Markus‘ Meinung sehr gerne an, auch wenn ich Melanies Ängste, Sorgen und Nöte verstehen kann. Ich glaube, es ist ganz normal, dass man ab und zu auch solche Gedanken hat. Umso besser, sich dann (hier) auszutauschen und auch die andere Seite der Medaille (oder gar des ganzen Münzstapels) zu berücksichtigen. Dass alle nur noch am Smartphone hängen, kannst du, Melanie, am besten selbst steuern, indem du mit gutem Beispiel voran gehst oder deine Freunde auch direkt darauf ansprichst, dass du es als unaufmerksam empfindest, wenn du mit ihnen zusammen sitzt und sie ständig whatsappen oder sonst was digitales machen. Der Kampf ist zäh, aber er lohnt sich ganz bestimmt.

    Bei Maria (widerstandistzweckmaessig) habe ich kürzlich diesen schönen Spruch entdeckt, der so viel Positives enthält, wie ich finde: https://widerstandistzweckmaessig.wordpress.com/2017/02/05/life-is-a-play-that-does-not-allow-testing/

    Und passend dazu habe ich vor Wochen noch einen schönen Spruch entdeckt, der dir vielleicht auch gefällt und dir hilft, dich im Hier und Jetzt zu freuen und dir keine oder nur wenig Sorgen über das morgen zu machen: https://antetanni.wordpress.com/2016/11/04/freitags-fueller-394-antetanni-sagt-was/

    Herzensgrüße von Anni

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