„Meinen Mann ein letztes Mal in den Arm nehmen und ihm sagen, dass ich ihn liebe“

„Unser Kind war gerade auf die Welt gekommen, da erkrankte mein Mann sehr schwer. Der Arzt meinte zu Beginn, es sei eine Sommergrippe und verschrieb Antibiotika. Doch die Medikamente schlugen nicht an, stattdessen ging es ihm immer schlechter. Er lag im Bett, völlig teilnahmslos, zu nichts in der Lage. Das ging circa ein bis zwei Wochen. Irgendwann bekam ich Panik. Ich hatte ein kleines Baby, um das ich mich kümmern musste und einen kranken Mann. Kurzerhand rief ich den Notarzt. Sie kamen mit einem Krankenwagen und nach einer kurzen Untersuchung war klar: er muss sofort mit ins Krankenhaus.

„Der Arzt sagte mir die Diagnose einfach so, ohne Vorwarnung. Als wäre es das normalste auf der Welt“

Dort wurden Bluttests gemacht. Als die Ergebnisse kamen, wurde er als Notfall sofort nach Tübingen in eine große Spezialklinik verlegt. Spätestens da wusste ich: irgendetwas stimmt mit meinem Mann überhaupt nicht. Dann bekam ich die Nachricht: Es ist Blutkrebs. Der Arzt sagte mir das ohne Vorwarnung, einfach so, als sei es das normalste der Welt. In diesem Moment brach für mich eine Welt zusammen. Ich war wie gelähmt, dachte immer, das muss ein Alptraum sein. Man rechnet ja mit vielem, aber mit so etwas nicht.

Sie begannen noch in der selben Nacht mit der Chemotherapie. Wäre das nicht passiert, hätte er die Nacht nicht überlebt. Es war eine der schlimmsten Nächte meines Lebens, denn ich konnte nicht bei meinem Mann sein, da ich mit meinem Baby nicht in die Intensivstation konnte. Und so kurzfristig fand ich niemanden, der sich um unseren Sohn kümmern konnte.

„Ich fühlte mich, wie von der Welt abgekapselt, nahm alles wie in Trance wahr“

Am nächsten morgen rief ich in der Klinik an: er hatte die Nacht überlebt. Dann habe ich meinen Sohn bei Freunden abgegeben und bin zu ihm gefahren. In den nächsten Wochen drehte sich alles nur noch um die Krankheit. Ich fühlte mich, wie von der Welt abgekapselt, nahm alles wie in Trance wahr. Mein Mann bekam Chemo, dann war er wieder ein paar Tage Zuhause. Die komplette Zeit pendelte ich, lebte halb bei ihm im Krankenhaus, dann musste ich wieder nach Hause, mich um den Kleinen kümmern.

„Ich dachte: vielleicht wird doch noch alles gut“

Plötzlich ein Hoffnungsschimmer: Er bekam eine Stammzellenspende. Wir waren so glücklich und ich dachte: vielleicht wird doch noch alles gut. Zu Beginn sah es auch danach aus, doch nach vier Wochen kam der Krebs zurück. Und alles begann von vorn.

Er bekam eine zweite Spende. Und auch hier dachte ich zu Beginn: es klappt, er könnte überleben. Ich nahm all meinen Mut zusammen und hoffte erneut. Und dann fiel er plötzlich ins Koma. Im Nachhinein sagen die Ärzte: sein Körper war zu schwach. Die Chemo hatte ihn so strapaziert, dass er keine Kraft mehr hatte, um sich zu erholen. Als ich ihn zum letzten Mal bei Bewusstsein sah, ging es ihm einfach nur dreckig. Ich dachte, das ist normal, das wird schon wieder. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass es das letzte Mal ist, dass ich mit meinem Mann spreche und er mir in die Augen sieht. Er war so erschöpft und müde. Ich ging früher als geplant und meinte zum Abschied: „Schlaf eine Runde, wenn ich wieder komme, geht es dir bestimmt schon viel besser.“

„Dann bekam ich eines Nachts den Anruf, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte.“

14 Tage lag er im Koma, jeden Tag habe ich gehofft, dass sich sein Körper erholt und er aufwacht. Dann bekam ich eines Nachts den Anruf, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte. Der Stationsarzt bat mich, sofort ins Krankenhaus zu kommen. Mein Mann hatte Fieber bekommen, ein sehr schlechtes Zeichen. Es ist meist das letzte Auflehnen des Körpers, bevor er aufgibt. Der Arzt erklärte mir, dass sein Körper zu stark geschädigt sei, als dass er sich jemals wieder erholt. Seine Lunge war bereits kollabiert, trotz Lungenbeatmungsmaschine bekam er nicht ausreichend Sauerstoff, um seinen Körper unbeschädigt am Leben zu erhalten. Sie stellten mich in dieser Nacht vor die Wahl: Sollen die Maschinen jetzt abgeschaltet werden, oder möchte ich warten, bis es von alleine vorbei ist?

„Plötzlich wurde alles ganz still“

Mein Mann sagte mir immer, dass er nicht künstlich am Leben erhalten werden möchte. So stand es auch in seiner Patientenverfügung. Also beugte ich mich seinem Willen. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade einmal 28 Jahre alt. Ich saß an seinem Bett und beobachtete, wie die Maschinen nacheinander abgeschaltet wurden. Dann wurde alles ganz still. Bis irgendwann sein Herz aufhörte zu schlagen. Für mich war es das Schlimmste, dass ich mich nicht von ihm verabschieden konnte. Ich würde alles dafür geben, noch einmal vor ihm zu stehen. Ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe und was er für mich bedeutet. Noch ein letztes Mal mit ihm zu reden, ihn lachen zu hören und ihn fest in den Arm zu nehmen. Es wäre mein größter Wunsch.

„Es reicht so wenig zum glücklich sein, doch das merkt man meist erst dann, wenn es zu spät ist.“

Früher hätte ich niemals damit gerechnet, dass mir so etwas passiert. Ich meine, damit rechnet niemand. Dabei kann es jedem passieren und zwar so unglaublich schnell, von heute auf morgen. Und egal was du tust, du hast keinen Einfluss darauf. Wenn ich heute mit ansehe, über welche Kleinigkeiten Menschen miteinander streiten, denke ich mir immer: Eure Zeit miteinander ist doch viel zu kostbar, um sie mit solchen Nichtigkeiten zu vergeuden! Es reicht so wenig zum glücklich sein, doch das merkt man meist erst dann, wenn es zu spät ist.

Mein Mann und ich, wir hatten noch so viele Pläne. Wir dachten immer, dass uns das ganze Leben bevorsteht. Und dann ging alles so schnell. Inzwischen sind acht Jahre vergangen, doch die Leere, die er hinterlassen hat, die bleibt. Und wenn ich meinen Sohn ansehe, der so viel von ihm hat, dann wünschte ich, er hätte seinen Vater kennenlernen dürfen. Er war so ein prima Mensch.“

-Manuela (36)

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8 Comments

  1. Danke für diese Berührende und inspirierende Erzählung! Ich bin mir sicher, dass du deinen Mann mehr wertschätzt, als so mancher Mensch den Partner, die sich vielleicht gerade anschweigen, weil der Schlüpfer die falsche Farbe hatte. Lieben und geliebt zu werden sind die größten Güter und sollten als diese wetgeschätzt werden! Danke, dass du das tust, ich wünsche dir weiterhin so viel Kraft und Liebe, du bist ein wundervolles, liebendes Vorbild für deinen Sohn!

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  2. In der Straßenbahn sitzend, lese ich deinen Text. Also mitten aus dem Leben heraus. Und die Menschen um mich herum gehen ihren Bedürfnissen nach. Ebenso wie ich. Aber in Gedanken bin ich bei Dir und schicke dir Licht, Mut und Zuversicht. Marie

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  3. Liebe Meike,
    dieser Beitrag hat mich sehr berührt. So etwas in so jungen Jahren zu erleben, ist nicht fair. Aber das Leben ist leider nicht immer fair. Ich bin 65 und in letzter Zeit wird mir immer bewusster, dass nichts, was man in der Jugend als selbstverständlich ansieht, wirklich selbstverständlich ist. Ich wünschte, ich hätte diese Erkenntnis schon früher gehabt. Vielleicht hätte ich dann das Leben mehr genossen und mich viel mehr über die kleinen Dinge des Lebens gefreut. Jetzt tue ich es jedenfalls.
    Alles Liebe
    Reni

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