Hast du mal 15 Sekunden? (Oder: bricht bald eine neue Ära im Netz an?)

Wie macht man heute ein erfolgreiches Medium am Puls der Zeit? Wenn der Fetisch jetzt und sofort ist und die Aufmerksamkeitsspanne der Leser gerade einmal 15 Sekunden anhält? Wenn sich Gesellschaft, Mode, Wirtschaft und Politik neu erfinden, müssen es die Medien auch. 

15 Seconds of Fame

Das tun sie, zumindest versuchen sie es verzweifelt. In dem sie Online-Pendants zu ihren TV-Kanälen und Print-Formaten schaffen auf denen sie vor allem auf eines setzen: leichte Kost, schnell konsumierbar und davon: jede Menge.

Der Online-Leser ist ein flüchtiges Wesen, wie ein Glühwürmchen. Er taucht einmal kurz auf, doch sobald man sich freut, dass er da ist – ist er auch schon wieder weg. Deshalb gibt es auf sueddeutsche.de jetzt vor jedem Artikel eine kurze Stichwortartige Zusammenfassung. Damit man sich nicht die Mühe machen muss, den ganzen Artikel zu lesen. Auf welt.de wird das noch auf die Spitze getrieben: da steht neben jedem Artikel jetzt die Lesedauer. Zum Beispiel: 5 Minuten. Puh, 5 Minuten? Das ist doch ein Wahnsinn, come on. Die durchschnittliche Verweildauer eines Lesers, eines Visitors sind doch gerade einmal 1,2 Minuten, wenn überhaupt…  Und seitdem immer mehr Menschen nicht mehr am PC, sondern auf dem Smartphone lesen, ist die Aufmerksamkeitsspanne noch einmal gesunken. Die Texte müssen noch kürzer werden. Andy Warhols berühmte 15 minutes of fame klingen da wie aus einer anderen Zeit. Heute sind es – wenn man Glück hat –  15 seconds of fame. Und nicht einmal das. Tony Haile, der ehemalige CEO von Chartbeat, einem professionellen Analyse-Werkzeug für Webseiten, sagt: 55 Prozent der Leser bleiben nicht einmal 15 Sekunden. Warum?

Der blinde Wettstreit um Klicks

Jeder Klick auf einen Artikel bringt Geld, denn damit werden Werbekunden an Land gezogen. Die Verweildauer? Egal. Zumindest ein bisschen. Denn das interessiert die Werbekunden noch nicht. Die Erwartung der Leser? Uuups, sorry, tut uns echt leid, wenn du vom Inhalt enttäuscht bist. Aber hey, du hast doch eigentlich selbst keine Zeit, dich tiefer mit all dem zu beschäftigen. Denn: Auf dich wartet ein Tag voll unendlicher Möglichkeiten, ein Information-Overload und gleich klickst du auf die nächste Website und hast unseren Text bereits wieder vergessen! YOLO, Alter! 

Blind ist dieser Wettstreit deshalb: Der Nutzer hat irgendwann genug davon. Haile rät schon lange zu einem grundsätzlichen Gedankenwechsel: Statt nur an die Klicks zu denken, sollen Macher von Webseiten an die Aufmerksamkeit der Leser denken. Also an die Verweildauer. Nur: Die IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern), die in Deutschland Medienmarken in Zahlen widerspiegelt, hat erst 2013 damit begonnen, Webseiten überhaupt zu listen. Sie entschieden sich, ihre Messungen auf Klicks zu basieren – und die Verweildauer nicht zu berücksichtigen. Zwar ist sie immer wieder ein Thema, doch die Umstellung wäre sehr aufwendig, so der IVW-Sprecher Gerhard Gosdzick, und auf absehbare Zeit nicht geplant. 

Und während die (deutschen) Medien gerade dem Glanz einer bereits vergangenen Sternschnuppe hinterher hecheln, in der Hoffnung, noch aufspringen zu können, bahnt sich ganz zaghaft eine neue Ära an. Da ist von Entschleunigung die Rede, davon, dass Offline jetzt der neue Luxus ist. Die Menschen reisen auf einsame Berghütten und freuen sich, wenn sie mal kein Netz haben.

Eine Suche zurück in die Wirklichkeit

Denn irgendwie haben wir den Draht zur Wirklichkeit und dem eigenen Sein verloren. Seitdem wir ständig am Handy hängen sind wir nie ganz da. Mit dem Körper an einem Ort, mit den Gedanken ganz wo anders. Wir sind Dauergestresst, haben das Gefühl, ständig etwas zu verpassen. Wir sind immer erreichbar, immer auf Abruf. Wir haben einen verspannten Nacken vom Ständig-ins-Smartphone-starren und Rückenschmerzen vom vielen Vor-dem-PC-sitzen.

Diese Rückbesinnung ist nicht ganz neu. Man spricht schon seit gut über einem Jahr darüber. Aber langsam nimmt sie an Geschwindigkeit auf. Könnte es sein, dass wir wieder vermehrt Zeitungen und Zeitschriften kaufen? Dass wir Lust auf tiefgründige, gut recherchierte Texte haben? Dass wir unser Facebook-Profil löschen und unsere Selfies auf Instagram plötzlich peinlich finden? Ich weiß es nicht. Doch wie sagt man? Jeder Trend hat einen Gegentrend.

Tony Haile ist bei Chartbeat ausgestiegen. Er hat jetzt ein neues Projekt: Scroll, ein monatlicher Abo-Service, der das Lesen von zahlreichen Publikationen und Texten (fast) ohne Werbung ermöglichen soll. Springer hat bereits jetzt großes Interesse und rund einer Millionen Euro in das Angebot investiert.

Übrigens: die Lesedauer dieses Artikels beträgt in etwa 6 Minuten. Wenn Sie es bis hierher geschafft haben, beglückwünsche ich Sie und sage: Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

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8 Comments

  1. Danke für deinen Artikel. Genau der Inhalt der mich umtreibt. Die 6 Minuten sind völlig okay. Wie bekomme ich die Menschen dazu auf die Inhalte und nicht nur auf den Schein zu schauen. Es wäre schön wenn ein Umdenken stattfindet, auch hier im Netz. Sonnige Grüße Volker

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich habe zwei Gedanken zu dem Thema: 1. denke ich, dass man zu 100% hinter den Artikeln stehen sollte und es mit Leidenschaft tun muss. Dann hat man vllt nicht auf Anhieb Erfolg, aber irgendwann werden Menschen darauf aufmerksam und werden die Inhalte schätzen. Und 2. denke ich, dass man sich auch einfach damit abfinden muss, dass manche Inhalte nicht massentauglich sind. Denn die Mehrheit der Menschen steht nunmal auf seichte Kost, siehe BILD versus Spiegel oder ZEIT. Trotzdem sollte man mit qualitativeren Inhalten auch Menschen mit einer höheren Bildung erreichen, die auch für die Werbung interessanter, da zahlungskräftiger sind. Dann hat man zwar weniger Leser, muss aber nicht unbedingt weniger mit seiner Seite verdienen… Nur ist Deutschland da echt kein Vorreiter und die Adaption sehr langsam und schwerfällig…

      Gefällt 2 Personen

  2. …ja, und man selbst hat es in der Hand mit dem Aufbau und den Inhalten seiner Seite eben diesen Weg zu beschreiten. Unabhängig davon ob man mit Worten oder mit Bildern arbeitet, sollte man versuchen, das Interesse mit Inhalten zu wecken, die eine längere Verweildauer auch bei qualitativem Anspruch möglich machen…

    Gefällt 1 Person

  3. Toll geschrieben. Und mir wird gerade klar, warum ich so oft mit dermaßen seichten Inhalten abgespeist werde. Frauenzeitschriften (ja, die lese ich hin und wieder) sind ja bisweilen offline schon recht seicht, aber online ist es die Pest. Unlesbar, weil null Inhalt. Und ich denke, dass das irgendwann nach hinten losgeht, denn ich schaue 1, 2 od. evtl. auch 3x nach, ob eine Seite interessant ist (und das finde ich schon echt großzügig!), aber danach komme ich nicht wieder. Gibt’s auch keine Klicks mehr. 😉

    Liebe Grüße
    Anna

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Anna, Danke dir 🙂 wir haben ja schon auf Facebook gequatscht, aber deinen Kommentar hier finde ich auch spannend. Ich muss sagen: es gibt einige Frauenzeitschriften, die ich super finde. Anspruchsvoll, tiefgründig und von richtig tollen Frauen gemacht! Nur klicken diese gehaltvollen Inhalte im Netz nicht. Was viel mehr klickt sind tatsächlich diese seichten Themen, die du dir 1,2 oder sogar 3 Mal anschaust 😉 übrigens wirklich sehr großzügig von dir! Bin gespannt, wie sich das die nächsten Jahre weiter entwickelt. LG Meike

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  4. Worauf ich gewartet habe: Auf einen supu-dupi Artikel auf einem supi-dupi Blog wie diesem! Auf meinem Blog möchte ich deshalb mit echten Informationen punkten. Inhalte schaffen… Lesezeiten? Zwischen 5 und 30 Minuten. Gegenwert? Echte Infos, z.B. über die Fashion Week, oder Fragen der Gesundheit, die es sonst so gut recherchiert nicht mehr oft gibt! Ganz umsonst. Bezahlung: Eure Zeit. Lohn: Tipps für den Alltag und gute Unterhaltung! Viel Spaß beim Lesen!

    http://www.salutarystyle.com

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    1. Finde ich super! Du hast aber noch was vergessen: Sehr stilvolle Outfit-Posts mit wirklich schönen Fotos bekommt man auf deinem Blog genauso, wie qualitativ hochwertige Infos über die Fashion Week. Als Frauenärztin bist du dafür auch genau die richtige Ansprechpartnerin, und das merkt man den Artikeln an! Keep it up, Meike

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  5. Wow! Danke Dir! Ein bißchen peinlich ist mir ja soviel Lob schon,,,Es lag eigentlich nicht in einer Absicht, Deinen tollen Blog nicht als Werbung für meinen zu ,,mißbrauchen“! Aber Du hast mir wirklich so aus der Seele gesprochen! Und das ist nicht oft so… Obwohl ich finde, dass mittlerweile doch schon einige Blogs in eine andere Richtung gehen und viele
    Blogger(innen) auch wirklich gute Artikel posten. Wünsch Dir jedenfalls noch eine tolle Woche! Alles Liebe, Nessy

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