Jede Frau sollte eine Feministin sein

Neulich habe ich eine Studie gelesen, in der es um den Lohnunterschied zwischen Männer und Frauen ging.

Ein alter Schuh? Leider überhaupt nicht. Okay, es ist bekannt, dass in Deutschland Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger verdienen, als Männer. Es ist auch bekannt, dass sich Familienministerin Manuela Schwesig gerade für ein Lohngerechtigkeitsgesetz einsetzt (nur irgendwie habe ich das Gefühl, das interessiert niemanden wirklich, denn es gibt kaum öffentliche Debatten darüber. Auch im privaten Freundeskreis gibt es wichtigere Themen zu besprechen. Die US-Wahlen zum Beispiel.)

Gleiches Gehalt erst im Jahr 2069

Was mir neu war, ist jedoch eines der Schlüsselergebnisse der Studie: Erst im Jahr 2069 werden Frauen genauso viel verdienen, wie Männer. Diese Zahl sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. 2069. Das ist in 53 Jahren. Ich wäre dann 81 Jahre alt.

Allein diese Tatsache ist schon schlimm genug, eine bodenlose Unverschämtheit, wie ich finde, weil wir Frauen schon lange mindestens genauso hart arbeiten, wie Männer. Und doch immer noch belächelt werden, wenn wir uns wie Männer verhalten. Was mich aber am meisten ärgert, sind Menschen, die diese Debatte langweilt. Die die Augen verdrehen, wenn das Thema auf Gleichberechtigung kommt, für die Feminismus ein Schimpfwort ist. Und ganz besonders ärgern mich Frauen, die stolz behaupten: Ich bin keine Feministin!

6 Argumente, warum jede Frau Feministin sein sollte

Wer bei Feminismus heute nur an Alice Schwarzer denkt, muss die letzten 15 Jahre verschlafen haben.
Wer bei Feminismus heute nur an Alice Schwarzer denkt, muss die letzten 15 Jahre verschlafen haben.

In diesen Momenten würde ich am liebsten antworten: „Sag mal, in welcher Welt lebst du eigentlich?“ Denn für mich ist das Thema Gleichberechtigung, Feminismus und damit einhergehend auch Sexismus allgegenwärtig. Obwohl es bereits seit fast hundert Jahren das Frauenwahlrecht gibt, trotz Powerfrauen wie Lena Dunham, Beyonce und Emma Watson, trotz der Anti-Baby-Pille und Debatten wie #aufschrei und geteilter Elternzeit sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau immer noch eklatant. Einige Beispiele:

1. Unsere Werbung

Die Werbung, egal ob auf Plakaten, im Radio oder dem TV ist (bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen!) bis obenhin zugepflastert mit traditionellen Rollenbildern und sexistischen Anspielungen. Der Papa im Anzug, die Mama, liebevoll lächelnd damit beschäftigt, den Kindern das Frühstück zuzubereiten. Wer kocht in der Werbung? Wer fährt das Familienauto? Wer macht die Wäsche?

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2. Die Filmindustrie

In den allermeisten Filmen spielen Männer die Hauptrolle. Und wenn es mal eine Frau ist, dann handelt es sich um eine romantische Komödie, in der es um die Liebe geht – also wieder um einen Mann. Ganz selten sind Frauen Action-Heldinnen, oder spielen die Protagonisten in einem Psycho-Thriller, ohne dass Liebe dabei eine Rolle spielt. Wie sexistisch Drehbücher in Hollywood sind, zeigt Filmproduzent Ross Putman in etlichen Tweets, die weibliche Schauspielerinnen in Drehbüchern vorstellen. Demnach sind sie: „Wunderschön“, „attraktiv“ mit „glänzender, dunkler Haut“ und “strahlenden Augen“. Und wie sexistisch der Alltag einer Regisseurin ist, beschreibt nicht nur Lena Dunham in ihrem Buch „Not that Kind of Girl“ oder ihrem Newsletter „Lenny“, sondern auch  Isabell Suba in ihrem Debutfilm aus dem Jahr 2013: „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“

Seltene Ausnahme: In der Serie „Homeland“ gibt es eine weibliche Hauptdarstellerin – und zumindest ab Staffel 3 geht es vorrangig nicht mehr um eine Liebesgeschichte
Seltene Ausnahme: In der Serie „Homeland“ gibt es eine weibliche Hauptdarstellerin – und zumindest ab Staffel 3 geht es vorrangig nicht mehr um eine Liebesgeschichte

3. Klar definierte Geschlechterrollen in der Gesellschaft

Klar definierte Geschlechterrollen haben sich ganz subtil bis in jede kleinste Faser unserer Gesellschaft geschlichen. Mädchen spielen mit Puppen und tragen rosa – Jungs spielen mit Feuerwehrautos und tragen blau. Zu klischeehaft? Absolut nicht, wie zum Beispiel dieser Artikel auf Zeit Online zeigt. Er heißt „Rosa ist Scheiße“ und beginnt so: „Unsere Autorin interessierte sich nicht für Genderfragen. Dann bekam sie eine Tochter und zog ihr einen blauen Body an. Sie ahnte nicht, was sie damit“ auslöst.

4. Unsere Sprache

Ebenfalls männlich: unsere Sprache. Wenn Frauen sagen: ich bin Lehrer. Oder ich bin Anwalt. Der Plural ist sowieso männlich und wenn „man“ etwas macht, ebenfalls.

5. Typisch weibliche Verhaltensweisen

Noch ein Beispiel: Je nachdem, ob man eine Frau ist oder ein Mann, werden einem bestimmte Verhaltensweisen antrainiert. Frauen müssen zum Beispiel ständig lächeln oder verschämt auflachen. Es ist wirklich verrückt: In jeder noch so dummen Situation lächeln wir oder kichern. Ein subtiles Zeichen für Unterwürfigkeit. Frauen sind einfühlsam, empathisch, lieb. Wenn uns ein Fehler unterläuft, lächeln wir ihn weg. Wenn wir gelobt werden, lächeln wir ebenfalls. Wir lächeln viel zu oft. Männer hingegen zeigen Willensstärke, Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein. Sie haben dieses dämliche Gegrinse überhaupt nicht nötig. Wieso also wir?

Strotzt nur so vom Klischee des kleinen Blondchen: Filmszene aus Natürlich blond 3
Strotzt nur so vom Klischee des kleinen Blondchen: Filmszene aus Natürlich blond 3

6. Die Reduzierung auf unser Äußeres

Frauen werden ständig auf ihr Äußeres reduziert. Zeigen wir zu viel Haut sind wir „sexy“ oder „Schlampen“, je nachdem. Zeigen wir zu wenig Haut sind wir „eine graue Maus“. Wurde ein Mann jemals sexy genannt, weil er eine kurze Shorts trug? Oder ein weites Muskel-Shirt, das tiefe Einblicke gewährt? Wird einem Mann hinterher gepfiffen, wenn er gut aussieht? Wird er angehupt? Wird das Fenster runter gekurbelt und dumm gejohlt? Wird ihm in einer Bar ein Drink zugeschoben, während ihm eine Frau gegenüber zuzwinkert? Für Frauen ist das Alltag. Vielen passiert es täglich. Und nein – das ist kein tolles Gefühl. Man fühlt sich nicht geehrt. Es ist respektlos und erniedrigend und verdammt noch mal nicht mehr zeitgemäß.

Rollentausch: Wenn sich Frauen so benehmen, wie es Männer tun

1977 gab es bereits ein spektakuläres Buch von der norwegischen Autorin Gerd Brantenberg. In ihrem Roman „Die Töchter Egalias“ stellt sie die Welt auf den Kopf, indem sie die Rollen von Männern und Frauen vertauscht. Herrlich! Mindestens genauso gut finde ich den zehnminütigen Kurzfilm „Majorité Opprimée“ („Unterdrückte Mehrheit“) der französischen Regisseurin Éléonore Pourriat, der ebenfalls mit Geschlechtsidentitäten spielt. Ich liebe ihn, ihr solltet ihn euch wirklich kurz anschauen:

Typisch Mann, typisch Frau – woher kommt das eigentlich?

In der Gender-Forschung gibt es zur Entwicklung männlicher und weiblicher Geschlechtsidentität zwei kontroverse Theorien: die einen vertreten die so genannte „Geschlechter-Ähnlichkeitshypothese“. Sie besagt, dass Männer und Frauen sich vom Charakter wenig unterscheiden und sich nur durch Erziehung und Gesellschaft unterschiedlich entwickeln.

Die andere Theorie ist die Evolutionspsychologie. Ihre Anhänger sind davon überzeugt, dass sich beide Geschlechter aufgrund des Evolutionsdrucks stark unterschiedlich entwickeln mussten. Männer waren auf der Jagd, Frauen umsorgten in der Höhle die Kinder und hüteten das Feuer. Diese Arbeitsaufteilung war über viele tausende Jahre so klar aufgeteilt, dass sich die Gene und somit auch der Charakter geschlechtsspezifisch entwickelten. Es liegt uns also in den Genen, „typisch Frau“ und „typisch Mann“ zu sein. 

 

Natürlich ist „Kevin“ in „Kevin allein in New York“ ein Junge. Ein Mädchen wäre dafür nie in Frage gekommen. Wie hätte ein „Anna allein in New York“ ausgesehen? Hätte sie die Einbrecher mit Barbie-Puppen und Marshmallows beworfen?
Natürlich ist „Kevin“ in „Kevin allein in New York“ ein Junge. Ein Mädchen wäre dafür nie in Frage gekommen. Wie hätte ein „Anna allein in New York“ ausgesehen? Hätte sie die Einbrecher mit Barbie-Puppen und Marshmallows beworfen?

Feminismus geht jeden etwas an

Ich halte von der zweiten Theorie nicht viel und bin der Meinung, dass uns die Gesellschaft und die Erziehung bestimmte Verhaltensmuster aufdrückt und uns so bereits im Säuglingsalter in männliche oder weibliche Rollen zwängt. Um dieses Muster aufzubrechen müssen wir alle etwas dagegen tun – Frauen ganz besonders (was nicht heißt, dass Feminismus nicht auch Männersache ist!).

Deshalb, liebe Frauen: hört auf, immer jedem alles recht machen zu wollen. Eure Männer können genauso putzen und kochen und ihre Hemden bügeln. Hört vor allem auf, ständig wegen jedem Mist zu lächeln (nicht verwechseln mit Lachen! Das können wir ruhig öfter und dann gerne laut und dreckig) und fangt an, euch endlich mehr zuzutrauen. Bohrt eure Dübellöcher selbst in die Wand, flickt den Fahrradreifen und fahrt den großen, sperrigen Campingbus. Wenn Männer das können, dann können wir das ja wohl auch!

H&M, Hillary Clinton und Unisex-Parfums: Vorboten einer sich wandelnden Gesellschaft

Ein paar Anzeichen, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen, gibt es bereits: Designer entwerfen immer mehr Unisex-Mode, die Männer wie Frauen tragen können und auch Parfums werden jetzt häufiger ohne eine geschlechtsspezifische Zuordnung verkauft. Hillary Clinton könnte in wenigen Wochen die neue Präsidentin der Vereinigten Staaten Amerikas werden und zusammen mit Angela Merkel die Welt regieren und – ganz wichtig – im neuen Werbespot von H&M haben Frauen jetzt wieder Achselhaare, füllige Körper und sitzen breitbeinig in der U-Bahn.

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25 Comments

  1. Schöner wahrer Beitrag. Wenn ich meine jungen Geschlechtsgenossinnen anschaue, sind viele auf dem richtigen Weg. Ich hab damals vor den Augen meines 5 jahrigen Sohnes mit einer Bohrmaschine ganz schnell dicke Löcher in die Wand gebohrt, wegen Gardinen anbringen. Es brummte und zack-war da eim dickes Loch in der Wand. „Starke Mama!“ hat er gesagt(Das ich in den Jalousienkasten gebohrt hab, hab ich nie verraten) Das prägt sein Frauenbild bis heute. Aber der Weg ist noch lang. Grüße Kat.

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    1. Haha! Super, Kat 🙂 So sollte es sein. Meine Mutter hat sowas auch immer selbst gemacht und ich hatte nie ein Problem damit, Löcher zu bohren oder Fahrradreifen zu flicken. Man muss es eben nur vorgelebt bekommen. Aber ich kenne leider eine ganze Reihe Mädchen, die sich so etwas nicht zutrauen… schade! Aber man muss mit gutem Beispiel voran gehen 🙂 Hab einen schönen Sonntag!

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  2. Toller Beitrag 🙂
    Cool, dass du den Film von Isabell Suba kennst! 😀
    Du könntest – wenn du magst – auch noch was über die individuellen Effekte der Beschäftigung mit Feminismus schreiben. Es hat wirklich mein Leben verändert, ab und zu mal Artikel von z.B. Everyday Feminism zu lesen. Ich habe gelernt, dass ich nicht die Pflicht habe, anderen (optisch oder auch in jederlei anderer Hinsicht) zu gefallen und viel mehr. Es gibt so viel internalisierten Sexismus und Misogynie, es ist wirklich der Wahnsinn, was ich jahrelang unterhinterfragt akzeptiert habe und von meinen Eltern und vielen anderen Mitmenschen eingetrichtert bekommen habe.

    FEMINISMUS! ❤

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    1. Oh, wieso lese ich diesen schönen Kommentar erst jetzt? Danke jedenfalls für den Input, ich werde mir die Seite direkt einmal anschauen! Viele dieser Seiten gibt es ja leider nur auf Englisch, wird an der Zeit, dass man da mal ein deutschsprachiges Medium zu rausbringt. Und Sexismus ist wirklich an allen Ecken und Enden… mein Gott, und jetzt wird auch noch ein sexistischer Widerling zum mächstigsten Mann der Welt! Schlimm… Ganz liebe Grüße, Meike

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  3. Huhu du Liebe! Ich muss gerade etwas grinsen. Seit fast 25 Jahren bin ich mit meinem Schatz verheiratet. Mein Mann arbeitet Vollzeit, ich habe immer stundenweise gearbeitet, damit ich Mittags, wenn unsere einzige Tochter von der Schule kam, immer ihr warmes Mittagessen bekam. Mein Mann war immer für draußen zuständig (Rasen mähen und Co) und da er absolut nicht kochen kann und ich eine leidenschaftliche Hobbieköchin bin, bin ich seit je her für’s Kochen zuständig. Wenn ich viel zu tun hatte, hat mein Mann von alleine den Staubsauger geschwungen und das erledigt, was ich nicht schaffen konnte. Allerdings herrschte und herrscht bei uns immer noch die Gewaltenteilung – typisch Mann und typisch Frau. Jetzt, nachdem meine Tochter ausgezogen ist, arbeite ich etwas mehr. Ich bin in dieser Rolle ganz glücklich – du hast nämlich noch nie gesehen, wie ich Rasen mähe, oder mein Mann versucht zu kochen😂😂😂🙈 Bei meiner Tochter läuft das ganz anders. Er kocht, weil er es besser kann und sie wäscht ab. So kann’s gehen. Also ich finde, dass jede Partnerschaft für sich entscheiden sollte, welche Aufgaben an wen verteilt werden. Ich bin zwar keine „echte Emanze“- aber ich weiß, was ich will und bin eine starke Frau. Ich wünsche dir eine gute Nacht und süße Träume. Liebe Grüße, Birgit

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    1. Liebe Birgit, du hast total Recht! So war das auch gemeint und solange alles im Gleichgewicht ist, ist es doch prima. Und offensichtlich hast du ja auch schon einmal den Rasen gemäht und dein Mann gekocht, na das ist doch immerhin schon was 🙂 Bei uns Zuhause koche auch ich, weil es mir einfach Spaß macht. Aber mein Freund putzt dafür die Wohnung, was ich super finde 😛 Hab ebenfalls eine gute Nacht!

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  4. Toller Beitrag! Ich bin auch immer wieder erstaunt, dass doch noch so viele Menschen diesen Klischees hinterherhängen. Und das sogar in unserer jungen Generation! Ich glaube es ist stark davon abhängig in was für einem Umfeld man aufwächst: Ich komme aus Berlin und da war es nie ein Thema, dass alle Mütter arbeiten, dass man auch zwei Väter haben kann oder schlicht und einfach nicht den Namen seines Mannes annimmt. Vor einem Jahr bin ich ins Rheinland/ Pott gezogen- ein totaler Kulturschock. Wie meine Komillitonen denken hätte ich eher von meinen Großeltern erwartet. Es gibt noch viel zu tun.

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    1. Liebe Jill, sind die Rheinländer also Spießer? Ich war ja noch nie in dieser Gegend, aber habe in Berlin studiert und kann dir da nur zustimmen! So viele selbstbewusste, starke Frauen habe ich selten gesehen. Jetzt lebe ich in München und merke den Unterschied auch 😉 LG Meike

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  5. Ganz toller Beitrag, bin der gleichen Meinung! Absoluter Fan von Lena Dunham, und halte von Sexismus nicht viel. Gleichberechtigung sollte 2017 kein Thema mehr sein🙏🏼

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  6. Wow! Ein wirklich toller und vor allem recherchierter Artikel. Wir sollten das Thema wirklich nicht unter den Tisch fallen lassen. Vielen Dank für diese Inspiration.
    Liebe Grüße
    Intrinsistin

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