„Du arbeitest in der Modebranche? Oh.“

„Du arbeitest in der Modebranche? Oh.“ So in etwa könnte man die Reaktionen zusammenfassen, die ich darauf bekommen habe, als ich nach meinem Masterstudium in Berlin mit Schwerpunkt politischer Kommunikation und Nahostkonflikt bei dem Hochglanzmagazin ELLE anfing. Die Professorin, die meine Masterarbeit betreute, in der es um politisch verfolgte Exiljournalisten und deren journalistische Online-Portale ging, schürzte die Lippen. „Sie wollen jetzt über Mode schreiben?“ Offensichtlich fand sie meinen bevorstehenden Wechsel von politischem Journalismus zu Modejournalismus nicht sehr lohnenswert. Mein Vater, der mich gedanklich am liebsten beim SPIEGEL gesehen hätte (ha!ha!) zog eine Augenbraue hoch: „Das musst du wissen, was du mit deiner Zukunft anstellst.“

Es kommt häufig vor, dass ich mich für meine neue berufliche Richtung rechtfertigen muss – oder mich zumindest so fühle, als würde von mir eine Erklärung erwartet. Neulich saß ich mit meinen beiden Cousins im Auto. Sie arbeiten beide für eine staatliche Organisation, die sich um internationale Entwicklungszusammenarbeit bemüht. Ziemlich beeindruckend und ziemlich cool. Der eine kam gerade aus Vietnam zurück, wo er ein mehrtägiges Seminar besuchte. Als es um meinen Arbeitsalltag geht, kommt die Frage: „Schreibt ihr dort wirklich über die neusten Sommersandalen und welches Kleid man am besten dazu trägt?“ Das Wort „wirklich“ sagt schon alles über die Einstellung des Fragestellers. Meine Antwort: „Ja.“

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So musste sie lauten, denn das machen wir ja tatsächlich. Trotzdem fühlte sie sich falsch an. Denn das ist ja nur ein Teilaspekt, der dazugehört, klar, aber der lange nicht für die ganze Arbeit steht, die wir täglich machen. Vielen dieser Menschen, die sich über Hochglanz-Modemagazine lustig machen (und hier muss ich differenzieren, denn Hochglanzmagazine wie ELLE, Harper’s BAZAAR und Vogue unterscheiden sich doch sehr von anderen Modemagazinen), gebe ich einen Rat: Nehm dir eine dieser Zeitschriften und lese sie von vorne bis hinten durch. Danach können wir gerne darüber reden.

Ich hoffe, dass sie dann merken: In diesen Magazinen geht es um eine Lebenseinstellung. Sie sind für starke, selbstbewusste Frauen geschrieben, die sich von niemandem den Mund verbieten lassen, die respekteinflößend sind, intelligent und wortgewandt. Die kulturell interessiert sind und gerne ins Theater und Museum gehen, sich mit ihren Freundinnen über zeitgenössische Architektur unterhalten und über sich selbst lachen können. Frauen, die wissen, wer Peter Lindbergh ist, oder Diana Vreeland, Grace Coddington oder Gabrielle Chanel. Die Sarah Moon lieben und morgens im Büro die ZEIT oder den SPIEGEL lesen.

Die sich über sich selbst und ihren Stil Gedanken machen und ihre Garderobe bewusst auswählen. Die darauf achten, kein Polyester zu tragen und sich morgens einen gestreiften Strickpullover überstreifen und dabei wissen: Er ist inspiriert von den Designs der französischen Modemacherin Sonia Rykiel, die für Selbstbestimmung und individuelle Freiheit stand. Frauen, die wissen, wie viele Näher und Näherinnen 2014 im Rana-Plaza ums Leben kamen und warum sie besser mehr Geld für weniger Kleidung ausgeben, als monatlich die Fast-Fashion-Kette „Primark“ zu stürmen. Sie interessieren sich für den aktuellen Umbruch in der Mode, warum immer mehr Designer kurz vor dem Burnout stehen und wie sich die aktuelle politische Lage in den zeitgenössischen Modekreationen wiederspiegelt. Diese Liste könnte ich noch einige Zeit weiterführen, aber ich glaube, ihr habt’s verstanden.

Modezeitschriften

Ich frage mich also: Woran liegt es, dass der Modebranche das Vorurteil anhaftet, dumm und oberflächlich zu sein? Dass man in diesen Berufen Kleingeister erwartet, die keine durchargumentierten Diskussionen über Politik und Weltgeschehen führen können, weil sie sich stattdessen lieber die Zeit damit vertreiben, die neusten Nagellacke auszutesten? (Oh, übrigens! Gel-Nagellacke sind wirklich toll! Halten bei mir tatsächlich eine Woche, statt der üblichen drei Tage!) Nein, mal ehrlich. Ich denke, es liegt daran, dass Mode oberflächlich betrachtet auch oberflächlich ist. Wer einmal schnell durch ein Heft blättert, wird erschlagen von Prada, Dior und Gucci Werbung.

Und wer das Online-Angebot diverser Modemagazine überfliegt, kommt auch ins Zweifeln. Das Problem auf den Webseiten ist hier leider das typische Problem, das für die allermeisten Handlungen in der Wirtschaft verantwortlich ist: Geld. Oder besser gesagt: fehlendes Geld. Wir müssen das schreiben, was die Leserinnen interessiert, also das, was sie anklicken. Und wieso sich die meisten so brennend für Artikel interessieren, die irgendeinen Bezug zu ihrem Sternzeichen oder einem schmalen Bauch in nur drei Tagen haben, und nur ein Bruchteil von ihnen ein Interview mit Winona Ryder lesen wollen, das weiß ich auch nicht. Online-Modeangebote sind nun einmal nicht öffentlich-rechtlich finanziert und können sich daher den Luxus nicht leisten, über wirklich interessante Bewegungen und News in der Branche zu schreiben (und manchmal tun wir es doch, aus Prinzip! Und wenn der Artikel dann nur 50 Mal geklickt wurde, sei’s drum!) Fakt ist: es gibt im Modejournalismus sehr wohl die tiefgründigen, kritischen, gut recherchierten Texte und brillanten Interviews. Genauso, wie es die bunten Seiten mit den tollsten Sandalen und den dazu passenden Kleidern in verträumten Pastelltönen gibt.

 

 

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4 Comments

  1. Hallo Meike,
    ich hatte schon diverse Modeshootings am Hals…und eins muss man sagen…die Welt der Modeleute ist schon sehr…hm…eigen…muss man nicht immer verstehen und auch nicht unbedingt mögen…da dreht sich doch alles sehr schnell und schrill um Etwas was eigentlich nur eine schöne Nebensache ist…und Alle sind unheimlich wichtig….und danach freue ich mich im Supermarkt wieder unter…normalen…Menschen zu sein 🙂
    Lieber Gruss, Jürgen

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