„Ich wünsche mir ein normales, glückliches Familienleben“

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich neun Jahre alt war. Die Trennung war damals für mich ein großer Schock, ich war schon immer sehr familien-orientiert. Plötzlich ohne meinen Vater zu leben, fiel mir sehr schwer. Schon davor waren unsere Familienverhältnisse ziemlich zerrüttet. Meine Eltern stritten viel. Es gab ständig Probleme und schlechte Stimmung waren an der Tagesordnung.

Nach der Trennung zog meine Mutter mit meinem Bruder und mir zu unserer Großmutter und änderte nach und nach ihren ganzen Lebensstil – und den der Familie. Sie arbeitete immer mehr, ich sah sie nur noch selten. Sie ist Gartenarchitektin und meist kam sie spät nach Hause. Gemeinsame Essen sind bei uns die Ausnahme, meist nimmt sich jeder etwas auf die Hand, kocht sich schnell eine Kleinigkeit und isst alleine. Ich würde auch nicht sagen, dass ich zu meiner Familie ein enges Verhältnis habe.

Umso überraschender war es für mich, als ich Freundinnen besuchte und das Leben in ihren Familien sah. Wie viel sie zusammen lachten, und wie viele Erlebnisse sie miteinander teilten. Es gab gemeinsame Abendessen, Tischgeschichten und man konnte merken: Sie sind einander wichtig, sie vertrauen sich gegenseitig und können aufeinander zählen. So respektvoll und friedlich gingen sie miteinander um. Zuerst dachte ich, das sei eine Ausnahme – wie ein silbernes Haar, das man mit 18 Jahren auf seinem Kopf entdeckt.

Gerade mache ich ein Auslandsjahr in Deutschland und lebe bei einer deutschen Familie. Und ich sehe diese „Ausnahme“ immer wieder auf der Straße. Glückliche Familien, die gemeinsam durchs Leben gehen. Eine Mutter mit ihrer Tochter beim Einkaufen, die sich gegenseitig beraten und vertraute Gespräche führen. Ein Pärchen mit Kinderwagen, das sich wie frisch verliebt anschaut – und man merkt: sie sind glücklich. Auch in meiner Gastfamilie ist das so und zum ersten Mal kann ich durch sie miterleben, wie es ist, in einer intakten Familie zu leben. Das macht mich sehr glücklich, aber ich merke gleichzeitig, wie sehr mir dieses Miteinander in meiner eigenen Familie fehlt.

Jetzt wünsche ich mir nichts mehr, als wieder nach Hause zu kommen, und dort diese Erfahrungen mit meiner Mutter, meiner Großmutter und meinem Bruder zu teilen. Ich wünsche mir, dass Mama früher von der Arbeit nach Hause kommt und wir gemeinsam kochen. Dass wir zusammen auf der Terrasse essen und unser Haus vom gemeinsamen Lachen erklingt. Ich wünsche mir, dass wir untereinander als Familie so eng werden, wie die Deutschen oder die Italiener und unser Leben miteinander teilen. Dass wir Zeit miteinander verbringen und das nicht als Qual sehen, sondern als schönes Erlebnis, das uns glücklich macht.

Lenka (17) aus Slowenien

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