Warum wir uns viel öfter langweilen sollten

Langeweile ist gesund

Neulich war ich krank und habe mich schrecklich gelangweilt. Normalerweise hätte ich eine Serie nach der anderen geschaut oder stundenlang wahllos durch die Programme gezappt aber ich hatte eine Nasennebenhöhlen-Entzündung und meine Augen reagierten empfindlich auf Licht. Das heißt: Sobald ich auf einen Bildschirm starrte, begannen meine Augen wie verrückt zu tränen . Ich konnte also nur auf dem Sofa oder dem Bett und an einem Tag auch auf dem Balkon vor mich hin vegetieren.

Wann habt ihr euch zum letzten Mal gelangweilt? Und ich meine nicht nur für 10 Minuten, ich meine für Stunden oder für Tage.

Ich begann den Abstand der wiedergespielten Songs im Radio zu zählen (keine 2 Stunden!), ich las ein Buch („Wir kommen“ von Ronja von Rönne, das mich sehr zum Lachen brachte aber irgendwie auch verstörend war), ich hörte einen kompletten Podcast („Serials“, der war ganz cool) und nachdem ich stundenlang die Wohnzimmerwand angestarrt habe und mir fünfzig mögliche Wandfarben überlegte, in der ich sie gerne streichen möchte, tat ich einfach NICHTS. Wenn man gewöhnt ist, immer etwas zu tun, kann das zuerst einmal sehr irritierend sein. Denn ich bin einer dieser Menschen, die schon durchdrehen, wenn ihnen die S-Bahn vor der Nase wegfährt und sie 10 Minuten auf die nächste warten müssen. Ich bekam die Krise, als ich in Lateinamerika lebte und erfuhr, dass es keinen Busfahrplan gab. Dass man sich einfach hinstellen und warten musste. Was für eine Zeitverschwendung! (Natürlich nahm ich mir ein Buch mit, um die Wartezeit so effektiv wie möglich zu nutzen.)

Nach einer gewissen Zeit des absoluten Nichtstuns passierte etwas Wunderbares.

Nachdem ich also stundenlang Zuhause rumlag und ich absolut tiefenentspannt war, kamen mir plötzlich tausend Ideen und ich hatte Lust und Zeit sie umzusetzen! Ich nähte in Handarbeit fünf Reihen Perlen an meinen weißen Hemdkragen (es dauerte 6 Stunden und es war mir egal), ich schrieb meiner Oma ein Theaterstück zu ihrem 80. Geburtstag und probierte so lange die perfekte Espresso-Mischung für unsere manuelle Espressomaschine aus, bis der Druck (er muss zwischen 9 und 12 Bar sein) perfekt war. Endlich! Ich habe diese Espressomaschine seit einem Jahr! Wieso hatte ich das alles nicht schon viel früher gemacht? Weil ich keine Zeit hatte. Weil es immer etwas Wichtigeres zu tun gab.

Ich begann, über die Langeweile nachzudenken und jetzt bin ich ein absoluter Fan von ihr. Ich finde, wir sollten uns alle regelmäßig langweilen, damit sich der Nebel in unserem Gehirn lichtet und wir wieder klar denken können. Langeweile ist tausend Mal besser (und bestimmt auch gesünder!) als Superfood und Detox-Säfte, denn in dieser Zeit kann sich unser Körper von ganz alleine regenerieren. Auf Zeit Online gab es neulich einen Artikel, in dem es darüber ging, dass sich viele insgeheim freuen, wenn sie erkältet sind und vom Arzt krank geschrieben werden. „Eine Erkältung“, so schreibt der Autor, ist „die Gelegenheit für eine sozial akzeptierte, kleine Auszeit. Eine Zeit voller Niesen, Schneuzen und Ächzen zwar, aber eben auch eine ganz für uns.“ Muss es denn wirklich so weit kommen, dass wir erst krank werden müssen, um uns mal wieder richtig entspannen zu können?

Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, mich ab sofort regelmäßiger zu langweilen und kann das jedem nur wärmstens empfehlen. Letzte Woche haben wir unsere Wohnzimmerwand gestrichen. Es ist ein sehr, sehr heller beige Ton mit etwas Apricot – wir lieben ihn. Und wir haben ihn nur meiner Langeweile zu verdanken.

 

5  Orte und Tätigkeiten, die Kreativität fördern (weil man sich mäßig bis stark langweilt)

  1. Mindestens eine Stunde auf dem Sofa rumlümmeln und dabei NICHTS tun
Foto: instagram/carolinedemaigret
Foto: instagram/carolinedemaigret

2. Ein langes Schaumbad in der Badewanne nehmen und dabei keine Musik hören

Foto: instagram/sylviahaghjoo
Foto: instagram/sylviahaghjoo

 

3. Ziellos Spazierengehen und zwar ALLEINE

Foto: instagram/whowhatwear
Foto: instagram/whowhatwear

4.  Zug, Bus oder U-Bahn fahren und dabei das Handy in der Tasche, dafür aber den Blick schweifen lassen

Foto: instagram/axelhoumadi
Foto: instagram/axelhoumadi

5. Beim Kochen, Backen oder Gärtnern (Auszeit fürs Gehirn)

Foto: instagram/garancedore
Foto: instagram/garancedore
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s