Ich wünsche mir mehr Aufklärung zum Thema „Geistige Krankheiten“

Das mit mir etwas nicht stimmte, wusste ich schon lange. Ich hatte allerdings nie die passenden Worte dafür. 2015 bekam ich dann vom Arzt die Diagnose: Ich hatte eine „instabile Persönlichkeitsstörung“, auch als „Borderline“ bekannt. Im ersten Moment hat mir diese Nachricht den Boden unter den Füßen weg gezogen. Borderline? Persönlichkeitsstörung? Das sind doch depressive Emos die in der Ecke sitzen und sich schneiden, dachte ich.

Heute, gut ein Jahr später, sehe ich das nicht mehr so. Es steckt viel mehr hinter diesen Begriffen. Borderline bedeutet, immer an der Grenze des Aushaltbaren zu leben und Gefühle und Emotionen 1000 Mal stärker zu empfinden, wie andere Menschen. Es bedeutet auch, darunter zu leiden, nicht Herr über sich und sein Denken zu sein und nur nach Impulsen handeln zu können. Ehrlich gesagt: Man leidet Höllenqualen und will einfach nur, dass es aufhört.

Kurz nach meiner Diagnose habe ich mich erst einmal an den Computer gesetzt, und „Borderline“ gegoogelt. Da stand:

„Bei dieser Störung sind bestimmte Vorgänge in den Bereichen Gefühle, Denken und Handeln beeinträchtigt. Dies wirkt sich durch „negative“ und teilweise paradox wirkende Verhaltensweisen in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie gegenüber sich selbst aus.“

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Wesentlichen Merkmale der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung  sind stark impulsives Handeln ohne Rücksicht auf Konsequenzen, ständig wechselnde Stimmungslagen und die Unfähigkeit zur Vorausplanung

Das ist wahr und auch ein gutes Jahr später ist es für mich immer noch sehr schwierig, damit umzugehen und mich selbst mit allem was dazu gehört zu akzeptieren.

Ich war immer auf Erfolg getrimmt worden. Schneller, besser, noch höher! Ich arbeitete bis zum Umfallen. Aber zufrieden war ich nie. Nach einem Zusammenbruch auf Arbeit bekam ich zuerst die Diagnose „Depression“. Das war damals für mich keine Überraschung, aber trotzdem war es schwierig, es von einem Arzt zu hören und damit umzugehen. Ich war am Ende, nichts ging mehr. Ich konnte nicht mehr aufstehen oder aus dem Haus gehen. Ich hatte keinerlei Antrieb mehr und keine Lust zu nichts. Ich war auch nicht mehr in der Lage, anderen etwas vorzuspielen und meine eigentliche Lage zu verbergen. Die Depression hatte mich voll im Griff.

Trotzdem wollte ich, dass es keiner erfährt. Ich schämte mich für meine Krankheit. Alle sahen mich immer nur als die Starke und die Lustige. Das war meine Fassade, die ich mir jahrelang antrainiert habe, damit niemand etwas davon mitbekommt, wie es mir wirklich geht.

Sabine trainierte sich eine Fassade an, damit niemand merkte, wie schlecht es ihr wirklich ging

Ich verstrickte mich immer mehr in Lügen und Ausflüchte, nur damit niemand in meinem Umfeld etwas von meiner Krankheit mitbekommt. Ich hatte so Angst vor ihren Reaktionen, ihren Vorurteilen und Blicken. Und diese Angst war größer als der Wunsch nach Hilfe.
Aber irgendwann kannst du es nicht mehr verbergen, irgendwann gehen dir die Ausreden aus und die Kraft, sich immer weiter in Lügen zu verstricken. Also erzählte ich meiner Familie und meinen Freunden davon. Natürlich waren viele sehr einfühlsam und versuchten, mich so gut es ging zu unterstützen. Trotzdem fühlte ich mich oft nicht verstanden. Gerade wenn es mir mal wieder richtig schlecht ging, und man dann Sprüche hört, wie: „geh doch unter Leute“ oder „reiß dich doch mal zusammen“ ist das wirklich überhaupt nicht hilfreich.

Würde man jemanden, der gerade eine Grippe oder eine Migräne hat auffordern, sich doch mal zusammenzureißen? Genau hier liegt für mich das Problem: In unserer Gesellschaft sind psychische Krankheiten immer noch ein viel zu großes Tabuthema. Sie werden bei Weitem nicht so akzeptiert, wie physische Krankheiten, also zum Beispiel Migräne oder eine Grippe. Die Menschen haben so viele Vorurteile gegenüber psychischen Krankheiten.

Wer unter einer geistigen Krankheit leidet, schämt sich oft dafür und verstrickt sich in Lügen

Mein Wunsch ist es deshalb, dass viel mehr Betroffene darüber reden, damit die Menschen verstehen, was es bedeutet, unter einer psychischen Krankheit zu leiden. Denn wir sind genauso krank, wie Menschen mit Grippe, Migräne oder sonst etwas. Wir schämen uns für etwas, wofür wir nichts können.

Nach einem Jahr Therapie und einem halben Jahr in einer Klinik geht es mir besser. Ich weiß jetzt, was mit mir los ist und wie ich so geworden bin. Ich weiß, dass es keine Heilung für mich gibt. Und ich habe gelernt, das zu akzeptieren, denn ich weiß jetzt auch, dass es nicht darum geht, „normal“ zu sein. Vielmehr geht es darum, sein Leben selbst zu bestimmen. Daran arbeite ich gerade.

Ich lasse mein Leben nicht mehr von Erfolg bestimmen. Arbeiten ist nicht alles im Leben. Ich habe gelernt, auf mich und meine Grenzen zu hören und entschieden, beruflich das zu machen, was meinen Interessen und Wünschen entspricht. In letzter Zeit habe ich sehr viel gezeichnet. Dabei habe ich meine Kreativität entdeckt und jetzt möchte ich mich im Bereich Tätowieren selbstständig machen. Das ist etwas völlig anderes, als ich früher gemacht habe und ich weiß, dass meine Familie nicht sehr begeistert davon sein wird. Aber das ist mein Leben und das sollte ich so leben, wie ich das möchte. Und wisst ihr was? Es fühlt sich verdammt gut an!

Sabine zeichnet vor allem geometrische Tattoos mit Finelinern, das sieht dann so aus:

Sabine (31) aus Deutschland

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2 Comments

  1. Sehr schöner Text! Es stimmt leider, dass psychisch kranke Menschen in unserer Gesellschaft immernoch stigmatisiert werden und ihre Probleme bei den meisten Leuten auf Unwissen und Ignoranz stoßen. Dabei kennt fast jeder jemanden, der unter einer Depression leidet, ob er sich dessen bewusst ist, oder nicht. Deshalb teile ich Sabines Wunsch!

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